Jakob Künzler Der Vater der Armenier (1871 – 1949)

«O, es ist unbeschreiblich schön auf deinen Auen, du wunderschöne Schweiz. Jedoch – ich muss nach Urfa, mich ziehts dorthin.»

Vor hundert Jahren finden im Gebiet der heutigen Türkei blutige Verfolgungen von Armeniern statt. Die Zahl der Opfer wird auf über eine Million geschätzt. Und mittendrin ist der Appenzeller Jakob Künzler. Zusammen mit seiner Frau Elisabeth rettet er während des Ersten Weltkriegs über 2’500 Armeniern das Leben.

Überblick

Fr/It

Französisch

C’était il y a un peu plus d’un siècle, pendant la Première Guerre mondiale. Au cours des années 1915 et 1916, les Arméniens ont été l’objet de persécutions sanglantes sur le territoire de la Turquie actuelle. Le nombre de victimes est estimé à plus d’un million.

Sur place avec sa femme Elisabeth, l’Appenzellois Jakob Künzler a sauvé plus de 2 500 Arméniens. Plus tard, le couple a continué de porter secours aux personnes persécutées.

Les Künzler sont restés au Liban avec leur famille toute leur vie et les descendants arméniens de nombre de leurs protégés se souviennent encore d’eux sous le nom de «Maman et Papa Künzler».

Italienisch

È passato circa un secolo. Fra il 1915 e il 1916, il territorio dell’attuale Turchia fu teatro delle sanguinose persecuzioni ai danni del popolo armeno, che si stima fecero oltre un milione di vittime.

Jakob Künzler, originario dell’Appenzello, ricoprì un ruolo di primo piano nella vicenda. Con l’aiuto della moglie Elisabeth, salvò la vita a oltre 2500 armeni durante la prima guerra mondiale. Un impegno, quello a favore dei perseguitati, che si protrasse anche in seguito.

I Künzler vissero tutta la vita in Libano insieme alla loro famiglia e ancora oggi i discendenti di molte delle persone da loro protette li ricordano affettuosamente come «Papà e Mamma Künzler».

Jakob Künzler aus Hundwil in Appenzell Ausserrhoden gelangt als 28-Jähriger nach Urfa, in die heutige Türkei und arbeitet im dortigen Missionsspital. Für ihn ist klar, dass er nicht nur Christen, sondern auch Nichtchristen helfen will. Urfa ist zu dieser Zeit eine ethnisch durchmischte Stadt: Türken, Araber, Kurden, Armenier, Christen, Juden und Griechen sind dort wohnhaft. Künzlers Sprachkenntnisse sowie seine offene und herzliche Persönlichkeit öffnen ihm viele Türen, und er wird weitherum geschätzt. Auch seine Frau Elisabeth pflegt enge Kontakte sowohl zu Christinnen wie auch zu Musliminnen. Doch mit dem Ersten Weltkrieg wird das Zusammenleben in Urfa schwieriger. Das Osmanische Reich verbündet sich mit Deutschland und Österreich-Ungarn. Nach den ersten militärischen Niederlagen bezichtigt die jungtürkische Führung die christlichen Minderheiten, allen voran die Armenier, den christlichen Kriegsgegner Russland zu unterstützen. Man nennt sie Hochverräter und verweist sie des Landes. Der Weg vieler Exilierten führt über Urfa. Das Ehepaar Künzler unterstützt sie mit allen Kräften.

Nach diesen schrecklichen Ereignissen ist die humanitäre Arbeit für das Ehepaar Künzler jedoch noch nicht getan. Künzlers übernehmen den Auftrag, armenische Waisenkinder nach Syrien und in den Libanon zu begleiten. Diese Karawanen zählen zusammen rund 8‘000 Kinder! Am Ziel angekommen, lassen die Künzlers die Waisenkinder nicht allein. Sie betreiben ein Waisenhaus und gründen eine Teppichknüpferei, wo die Kinder ein Handwerk erlernen können. Es werden Wohnsiedlungen sowie ein Sanatorium gebaut, Kinderkrippen unterhalten und die Malaria bekämpft.

Die Künzlers bleiben mit ihrer Familie zeitlebens im Libanon und sind bei den armenischen Nachkommen vieler ihrer Schützlinge noch heute als «Mama und Papa Künzler» in bester Erinnerung.

  • Jakob Künzler wird im Dorf Hundwil in Appenzell Ausserrhoden geboren. In jungen Jahren verliert er seinen Vater und ist während seiner Schulzeit als Fädler und Sticker tätig.
    1871
  • Er lässt sich am Basler Diakonenhaus zum Krankenpfleger ausbilden.
    1893
  • Als Krankenpfleger reist er ins Missionspital nach Urfa in die Türkei und arbeitet dort bis ins Jahr 1919.
    1899
  • Während des 1. Weltkriegs retten er und seine Frau viele Armenier vor Völkermord und Deportation.
    1914
  • Er organisiert die sichere Ausreise von 8'000 christlichen Flüchtlingen und Waisenkindern nach Syrien und in den Libanon.
    1922
  • Künzler wird Waisenhausleiter in Ghazir im Auftrag der schweizerischen Armenienhilfe und gründet dort industrielle Betriebe wie eine Teppichknüpferei.
    1923
  • Jakob Künzler erhält den Ehrendoktortitel der Universität Basel.
    1947
  • Jakob Künzler stirbt in Ghazir (Libanon).
    1949
  • Zu seinen zahlreichen Publikationen gehört unter anderem seine posthum erschienene Autobiographie «Köbi, der Lückenbüsser im Dienste des Lebens».
    1951

Wirkungsorte

Das humanitäre Werk von Jakob Künzler führte bis weit in den Osten Europas. Klicken Sie auf die einzelnen blauen «Stecknadeln» und erfahren Sie mehr zu seinem Leben und Wirken.

Jakob Künzler berichtet

Jakob Künzler hat in regelmässigen Abständen in einer kleinen Monatsschrift mit dem Titel «Der christliche Orient» von seinen Erlebnissen berichtet. Die folgenden Passagen geben einen kleinen Einblick in seine Schilderungen.

Das Missionsspital in Urfa

«Es ist ein freundlich eingerichtetes Haus, die Missionsklinik in Urfa. Die Urfa-Bewohner kennen es unter dem Namen Chastachane, chasta= krank, chan = Haus. Am 5. Juni dieses Jahres konnte es bezogen worden. Leider ist es nicht gekauft, sondern nur für 3 Jahre gemietet. Seine Lage ist gar nicht übel. Inmitten der Stadt, liegt es auf der Grenze des Armenier- und Türkenviertels. An dessen Eingangstor kündet zwar weder Schild noch Inschrift an, dass hier ein Krankenhaus sei. Auch der erste Hof, in den man, durch den Eingang tretend, kommt, lässt uns noch keine Klinik vermuten. Der Boden ist uneben, nicht mit Steinen gepflastert. An den den Hof umschliessenden Mauern sind Ringe angebracht zum Anbinden der Pferde und Esel, auf denen die Schwerkranken gebracht werden.
Von diesem Hof tritt man durch einen Flur in den inneren Hofraum, von den Türken das Harem genannt. Hier erhält der Besuchende schon eher den Eindruck, dass hier ein Krankenhaus sein könnte.
Der Hof ist mit Quadersteinen schön belegt. In der Mitte steht ein grosses Wasserbassin von Stein, in dessen Mitte das Wasser aus einer Röhre plätschert. Neben dem Brunnen ist auch Raum für ein kleines Gärtchen. Von diesem Hofe aus liegt zu ebener Erde der Eingang in die Küche und in die Apotheke. Links und rechts führt je eine Treppe auf zwei Terrassen, von welchen aus man in die verschiedenen Zimmer kommt. Von der linksseitigen Terrasse aus kommen wir in den Operationssaal, einen Ankleide- und Warteraum der zu Operierenden und zwei Krankenzimmer. Von der rechtsseitigen aus in drei Zimmer, die als Wohn- und Schlafräume des Arztes und des Diakons dienen. Dann Wohnraum des Klinikdieners, der zugleich auch unser Portier ist, und zuletzt noch zwei grosse Zimmer, wovon das eine als Verbandszimmer und das andere als Klinik- und Untersuchungsraum benutzt wird. In den Erdgeschossen sind Stallungen und Lagerräume. Das ganze Grundstück umfasst ein Areal von 720m2.»

aus: «Der christliche Orient», Januarheft 1901.

Persönliche Trägodie

«Ein langer Gast war ein Armenier, Berber Johannes genannt. Beim ersten Besuche traf ihn Herr Doktor in schwerkrankem Zustande und seine Familie in elender Verfassung an. Lag er doch, der Ernährer einer neunköpfigen Familie schon seit vier Monaten krank zu Hause. Vom Armenkomitee erhält er wöchentlich 1⁄2 Medschidie = 2 Mark. Doch wohin sollte das reichen? War das nicht zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben? Seine Krankheit erheischte eine grosse Operation und eine lange, lange Nachbehandlung. Während dieser Zeit fanden wir es auch nötig, dem Armen etwas von seinen Familiensorgen abzunehmen. Die Familie bewohnte ein einziges Zimmer, das sie für ca. 40 Mark jährlich gemietet hatte. Die Miete aber stand schon lange an. Eines Morgens klagte er mir endlich, dass seine Familie eine andere Wohnung suchen müsse, da sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Ich zog nun Erkundigungen ein, wer denn der Hauseigentümer sei und ob denn dieser nicht anzuhalten sei, noch Geduld zu haben, zumal des Kranken Wiederherstellung in einiger Zeit mit ziemlicher Sicherheit vorauszusehen war. Aber siehe da! Die Besitzer jenes Hauses waren zwei alte Schwestern, die selbst am Hungertuche nagten und deren einziger Verdienst in der Vermietung jenes und noch eines andern Zimmers bestand. Was war da anders zu tun, als den Auszug aus der sonst billigen Wohnung zu verhindern und gleichzeitig den armen Schwestern zu helfen?»

aus: «Der christliche Orient», Januarheft 1901.

Gedanken zu Heimat und dem Orient

«So habe ich denn meinen Blick ringsum schweifen lassen. Sinnend sitze ich noch im Grase. Wie alle Tage, so auch heute, fliegen meine Gedanken nach dem fernen Urfa. Wie öde bist du, armes Urfa, im Vergleich zu meiner üppig grünen, reichen Heimat! Wie verbrannt sind jetzt deine Steppen, wie schmachtet jetzt dein Volk, besonders auch unsere dortigen Missionsgeschwister, in der grossen, tagtäglichen Hitze, die im Schatten noch 40–44 Grad Celsius zeigt. Wie schmachtet aber auch das dortige Brudervolk, ja alle dort wohnenden Völker, und sehnen sich nach schöneren und gesegneteren Zeiten. «Hüter, ist die Nacht bald dahin?» höre ich von euren Lippen seufzen.
Meine Gedanken kehren in einem lieben Hause Urfas ein. Dies Haus ist zu Stadt und Land, bei Christ und Muhammedanern wohlbekannt. Man nennt es das Haus des allemanialy hekim (des deutschen Arztes) oder auch chastachane (Krankenhaus). In diesem, von mir so geliebten Hause will ich schnell die Mitarbeiter grüssen. Gleich umringen mich Kranke aller Art und rufen: chosch geldin, Jakob Effendi! D.h. Willkommen! [...]

Wenn ich mich in meinen Gedanken mit Urfa beschäftige, so beschleicht mich eine grosse Sorge, der ich mich kaum erwehren kann. Was ist es? Es ist unsere grosse Missionsschuld. Was müssen wir mit den Waisenkindern anfangen, wenn statt mehr, weniger Gaben eingehen? Und unser Missionsspital? In der Julinummer sind laut Gabenverzeichnis im Monat Mai nur 13 Mark speziell für unsere ärztlichen Stationen eingegangen. Liebe Freunde, sollen wir unsere ärztliche Tätigkeit auf dem Missionsfelde schliessen? [...]

Wenn mich meine Lieben fragen: «Möchtest du nicht lieber hier bleiben in diesem schönen Lande, und nicht mehr hinausziehen ins Land Abrahams?» so antworte ich: «O, es ist unbeschreiblich schön auf deinen Auen, du wunderschöne Schweiz. Jedoch – ich muss nach Urfa, mich ziehts dorthin – ja, wenn ich ein kleines Wäldchen mitnehmen könnte, etwas wonach ich mich dort oft sehnte, so würde es mich freuen – nun dies aber ein unmögliches Ding ist, gehe ich doch mit vielen Freuden wieder zu jenen Armen und Kranken zurück.»

aus: «Der christliche Orient», Septemberheft 1903.

Das Missionsspital und der christliche Glaube

«Was aber die [...] Frage anbetrifft, ob Mohammedaner Christen geworden sind, so muss dies verneint werden, zugleich mit dem Bekenntnis, dass wir bis jetzt noch nicht diese direkte Absicht hegten. Wenn wir nur erst den Berg von Vorurteilen, die der Mohammedaner gegen den Christen und das Christentum hat, etwas abgetragen haben, - und bis dahin wird noch viel Wasser den Euphrat hinunterfliessen - dann ist schon eine grosse Pionierarbeit getan und viel erreicht. Und wo ist uns bessere Gelegenheit gegeben, diese schwere Arbeit zu tun, als gerade durch die Krankenpflege im Krankenzimmer, wo wir zum Herzen des Mohammedaners gelangen können? Bis ein Mensch eine andere Religion besser als die Seinige findet, braucht es viel Liebe und Geduld und erst darnach ist noch viel Liebe und Geduld nötig, bis er seinem alten Glauben den Abschied gibt und den neuen annimmt.
Wir erwähnten oben auch das Wort: geistige Verpflegung. Unter dieser verstehen wir hauptsächlich Gesang und Musik, zwei Dinge, mit denen wir auch zum Herzen der Kranken dringen können. Freilich unsere Zeit hierzu ist kurz bemessen und oft verbieten auch Schwerkranke derartige Sprache. Aber, so sehr unser Gesang und unsere Musik den Orientalen anfangs höchst fremd vorkommt, so leuchten doch jedesmal ihre Augen, wenn in der Abendstunde der Herr Doktor mit seiner Violine oder Handharmonika kommt, oder der Birader (Bruder) Jacub seine Zither bringt. Auch der Müdeste der Kranken hebt seine Hände empor und klatscht gleichsam den Takt. Zu orientalischem Gesang und Musik gehört nun einmal auch das taktartige in die Händeklatschen.»

aus: «Der christliche Orient», Märzheft 1907.

Jakob Künzlers Reise nach Urfa

Zwischen seinen Einsätzen im Missionsspital in Urfa verbrachten Jakob Künzler und seinen Familie immer wieder ihre Ferien im Appenzellerland. Die Rückreise in den Orient erwies sich jedes Mal als kleines Abenteuer, wie seine folgende Reisebeschreibung zeigt.

aus: «Der christliche Orient», März- und Aprilheft 1910.

Abreise

«Am 25. September 1909 in der Morgenfrühe fuhren zwei Wagen vor das gastliche Haus meines Onkels, wo ich mit meiner Familie die letzten zwei Monate meiner Ferien verbracht hatte. Auf den einen Wagen wurden all die Siebensachen gepackt, welche man für eine solche weite Reise nötig hat. Im anderen fanden wir selbst nach einem herzlichen: „Behüt euch Gott! Auf Wiedersehen!" unseren Platz. Wir? das heisst: ich, der Bruder Jakob aus Urfa mit seiner Frau, seinem 3 Jahr alten Jungen und dem zehn Monate alten Töchterlein. So lange man sich noch sehen konnte, wurden zwischen den lieben Verwandten und uns noch Tücher geschwenkt, aber nach einer halben Stunde waren wir uns völlig entschwunden.[...]
Zum letzten Mal grüssten die Schweizerberge herüber. Schon sausten wir durch Vorarlberg. Wilde Bergbäche führten viel Schlamm mit sich und zeugten von grossen Regengüssen. Feldkirch, Bludenz waren im Nu erreicht, Innsbruck noch vor der Nacht. Wir hatten glücklich ein Coupee für uns allein. Die Kinder lagen bald in tiefem Schlafe, auf den Sitzen ausgestreckt, eingehüllt in Mäntel und Decken; und auch uns «Alten» gelang ein zwar unruhiger, aber doch wohltuender Schlaf. [...]»

Erste Hindernisse

«In Budapest galt es, die fahrende Wohnung auszuräumen. Also Gepäckträger vor! Neun Stücke! Nichts liegen lassen! So, jetzt die Kinder auf den Arm genommen und hinaus auf den Bahnsteig und mit dem Menschenstrom den Ausgängen zu! Ich rufe dem Gepäckträger zu, er solle auf unsere Sachen achten, wir würden nach zwei Stunden nach Konstantinopel weiter fahren, dann suchten wir den Restaurationssaal auf, um ein einfaches Mittagessen einzunehmen. Ich bin nicht sehr nervös angelegt, aber meine Gedanken während des Essens waren doch bei den zu lösenden Fahrkarten und beim Passagiergut, welches ich, abgesehen von den neun Stücken, neu aufzugeben hatte. Kaum hatte ich die trockenen Maccaroni heruntergewürgt, so machte ich mich auf den Weg zum Schalter. Zwei Fahrkarten nach Konstantinopel! Am Schalter war eine Frau. Im Nu hatte ich das Gewünschte. Ich zahlte in Gold, meist französischer Herkunft. Aber drei Goldstücke waren italienische. Diese wies die Frau am Schalter verächtlich mit den Worten zurück: Mit Italien haben wir nichts zu tun. Glücklicherweise hatte ich noch ein paar Napoleans d'or. Ich nahm die Italiener gerne zurück, wusste ich doch, dass die Türkei viel loyaler sein würde und dem italienischen Golde das gleiche Recht liess wie den «Napoleons». Die Hauptsache ist dort immer nur die, dass man deren in grosser Menge hat.

Bald konnte ich zum Trost und zur Beruhigung meiner Frau wieder an ihrer Seite sein. Unser Gepäckträger kündigte uns an, dass der Zug nach Konstantinopel überfüllt sein werde, wahrlich ein sorgenvoller Gedanken für das Elternpaar. Nur mit Mühe fanden wir Platz. Die Mutter musste den Säugling und der Vater den Jungen auf den Schoss nehmen. Wie wird die kommende Nacht? Wer konnte in dieser Lage schlafen? Aber was half's? Kommt Zeit, kommt Rat, tröstete ich meine, über diese Lage sehr unglücklich gewordene Gattin. Und richtig, der Kondukteur, der ohne Bedenken ein kleines Trinkgeld einsteckte, blinzelte mit den Augen; nun wusste ich, es kommt besser. Nach einer halben Stunde rief er uns und brachte uns in ein Halbabteil I. Klasse, das leer war, nur er hatte einen Mantel und eine Tasche drin. So hatten wir wenigstens drei Plätze erster Klasse und was das Beste war, wir waren allein. [...]»

Zugunglück

«Wir fuhren weiter. Die Nacht bedeckte langsam die Erde. Nichts ahnend, sicher in Gottes Hut, legte sich meine Frau zur Ruhe nieder. Vorher schon schlossen sich die müden Auglein unserer beiden Kinder. Zwar zeigte die Uhr kaum auf acht. Im Nebenabteil unterhielt ich mich mit einem freundlichen österreichischen Arzt, der schon 29 Jahre in Adrianopel tätig war. Eben sagte er: „Es ist ein bedenkliches Zeichen, dass die Jungtürken, trotzdem sie schon mehr als ein Jahr am Ruder sind, eigentlich noch nichts geleistet haben. Söz tschok, isch jock!' d. h. viel Worte, aber keine Tat!" Da kam Stoss auf Stoss, Schlag auf Schlag, es krachte, es erklangen abgesprengte Eisensplitter. Wir stiessen aufeinander, Gepäckstücke fielen von ihren erhöhten Plätzen; alles in einem Augenblick. Lautes Geschrei entsetzter Passagiere kam von allen Seiten. Wir sahen uns an - ein Unglück - jetzt hielt der Zug mit einem heftigen Ruck. Der Doktor sprang hinaus ins Freie, ich zu Frau und Kindern. Letztere schliefen noch, die Mutter hatte von den ersten Stössen nichts gehört, aber sie wachte dabei auf und konnte noch rechtzeitig mit ausgebreiteten Armen die Kinder vor den fallenden Gepäckstücken beschützen. Wir dankten Gott für unsere Erhaltung! Nun aber hielt es mich nicht mehr hier, ich musste hinaus, um zu sehen, was geschehen war. Auf einen Blick sah ich die Lokomotive, die sich bis an die Achsen in den Kies gewühlt hatte, und die zwei Gepäckwagen, einen nach links, den andern nach rechts geneigt. Es folgte der gefüllte Schlafwagen, welcher mit seinem Vorderteil sich stark geneigt hatte. Der nächste Wagen, der unsrige, stand noch auf den Schienen. Niemand wurde verletzt. Wo waren wir denn? Etwa 10 Minuten vor der letzten Station in Bulgarien, in Charmanly. Von Adrianopel wurde nun ein Zug requiriert, was etwa drei Stunden Aufenthalt bedeutete. Ich zog mich in unsern Wagen zurück, um meine harrende Frau zu beruhigen. Jetzt konnten wir dem Herrn für die Erhaltung aller danken. [...]»

Schiffsunglück und Ankunft in Urfa

«Nach zweitägiger Ruhe schifften wir uns auf dem Dampfschiff, das uns nach Beirut bringen sollte, ein. Unsere Kabine war nächst dem Maschinenhaus. Die Ohren mussten sich erst an den Lärm der Maschine gewöhnen, ehe wir in der ersten Nacht schlafen konnten. Den Kindern aber schien der gleichmässige Lärm ein Schlummerlied zu sein. Plötzlich weckte uns ein starker Knall, auf den ein merkwürdiges Pusten aus dem Maschinenraume folgte. Es musste etwas zerbrochen oder geplatzt sein. Was tun? Wir sahen schon vor uns, wie das Schiff sank, wie das Wasser zum Kabinenfenster einströmte und uns ein kühles Wassergrab bereitete. Wir waren gefasst, denn sterben wir, so sterben wir dem Herrn! Indes, als kein Wasser eindrang, das eigentümliche Pusten aber nicht aufhörte, kleidete ich mich an, um zu sehen, was geschehen war. Im Maschinenraum war unter dem Personal eine nicht geringe Aufregung. Eben stürzte der erste Maschinist halb angekleidet aus seinem Schlafraum heraus. Das Schiff wurde zum Stehen gebracht, die Maschine stand still. Ein Zylinder sei geplatzt, hiess es. Die Matrosen mussten Flaschenzüge und grosse Schraubenschlüssel herbeischleppen. Der Zylinder sollte ausgetauscht werden. Nach dreistündigem Aufenthalte, während welcher die meisten Passagiere nichts ahnend schliefen, begann der alte Schiffskasten die Fortsetzung seiner Fahrt. Aber mit dem gesunden Schlaf war es, besonders für meine Frau, in der Folge vorbei. Oftmals musste ich sie in den kommenden Nächten beruhigen. Sie wollte wieder merkwürdige Geräusche von Wasserpumpen usw. gehört haben. Zuweilen halfen meine Worte nichts, ich musste aufstehn, durchsuchte das ganze Schiff, wusste wohl, dass alles in Ordnung war, wollte sie aber beruhigen. Wir waren überaus glücklich, dass wir am vierten Tage endlich wieder festen Boden unter den Füssen hatten.

Von Beirut bis nach Aleppo kann man seit 3 Jahren in einem Tag mit der Bahn fahren. Der Weg führt erst in beträchtliche Höhen den Libanon hinauf, darnach abwärts in das Hochtal des Orontes und Leontes, und vorbei an Baalbek mit seinem Sonnentempel. Vor Horns fährt man an einem See vorbei. Horns selbst hatte im Herbst ein grosses Wasserunglück erlebt. Ende September überschwemmte ein Bach infolge eines Wolkenbruchs den grössten Teil der Stadt, wobei 500 Häuser einstürzten und nicht wenige Menschen ums Leben kamen. Hama zeichnet sich hauptsächlich durch seine vielen Schöpfräder aus, welche langsam, aber sicher dem Orontes Wasser entnehmen, um damit endlose Gärten zu bewässern. Wenn ich in der Türkei einen Reisewagen miete, sehe ich mir den Wagen und auch die Pferde erst genau an. Und doch wurde ich diesmal betrogen. Man zeigte mir drei volle, starke Tiere, aber als der Wagen, orientalisch spät, endlich vor unserem Hotel erschien, waren drei elende Klepper vorgespannt. Der Kutscher hatte mir also nicht seine, sondern andere Pferde gezeigt, als ich seinen Wagen mieten wollte. Wir wollten unsere Reise jedoch nicht noch verschieben. Misstrauisch setzten wir uns zu viert in den erst mit Bettwerk, Esskorb und vielem Gepäck gefüllten «Zigeuner-Wagen». Wir hatten uns mit den Kindern für die nächsten vier Tage in ein und einhalb Kubikmeter zu teilen. Aber es ging, es musste gehen. Und die mageren Gäule zogen und brachten uns weiter. Bab, ein kleines Araberstädtchen wurde am ersten, Bombudj, ein grosses Tscherkessendorf, am zweiten und Swindjy, ein Kurdennest, am dritten Tag glücklich erreicht, ohne dass ein Pferd verloren ging.

Der vierte Tag führte uns endlich nach Urfa. Wie wohl war mir und meiner Frau zumute. Jetzt waren wir am Ziele. Bald kamen uns auch die ersten Freunde entgegen, allen voraus mein geehrter und lieber Chef, Herr Dr. A. Vischer, dann kam die letzte Reisestunde. Voll Dank gegen Gott, der uns so glücklich ans Ziel gebracht, zogen wir in unsere neue Wohnung im Doktorhause ein. Auch hatten wir nichts von all unseren Sachen verloren und nichts war uns entwendet worden, wahrlich ein Wunder!
Es folgten zwar für unseren Sohn und dessen Vater noch einige kranke Tage. Das im Lande herrschende Dengfieber hatte sie ergriffen. Aber bald konnte ich im Spital wieder meine längst ersehnte Tätigkeit unter dem bunten Krankenheer aufnehmen.»

Leseempfehlungen

In den folgenden Publikationen finden Sie weitere Informationen zum Leben und Wirken von Jakob Künzler:

  • Alamuddin, Ida: Papa Kuenzler & The Armenians, London 1970.
    Ida Alamuddin, eine Enkelin des Ehepaar Künzler und Direktorin des armenischen Waisenhauses in Ghazir (Libanon) schildert detailliert und eindrücklich die wichtigen Stationen im Leben und Werk ihrer Grosseltern. Leider bisher nur in englischer Sprache verfügbar.
  • Künzler, Jakob: Im Lande des Blutes und der Tränen. Erlebnisse in Mesopotamien während des Weltkrieges (1914-1918). Kieser, Hans-Lukas (Hg.), Zürich 1999.
    Der Historiker Hans-Lukas Kieser hat die Schilderungen Jakob Künzlers zu den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Türken und Armeniern neu herausgegeben und mit einem Vorwort versehen. Die Lektüre gibt einen sachlichen, hemmungslosen Einblick in die blutige Zeit der Verfolgungen und Massentötungen.
  • La Roche, Emanuel: «Doctor, sieh mich an!». Der Basler Arzt Hermann Christ auf medizinischer Mission in der Osttürkei (1898-1903), Zürich 2013.
    Der Journalist Emanuel La Roche schildert die historischen Umstände und die vielseitige Tätigkeit des Basler Arztes Hermann Christ. Jakob Künzler war über viele Jahre Christs Assistent in Urfa und erhält auf den Seiten 69-72 ein eigenes Kapitel zugesprochen: Lohnende Lektüre für das Verständnis der Begleitumstände von Künzlers Wirken. Zudem bietet der Band eine Vielzahl von historischen Fotografien.
  • Jakob Künzler: Berichte aus Urfa, Teile 1 und 2, (Hg.) Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Hundwil, Hundwil 2015.
    Anlässlich des Gedenkjahres an Jakob Künzler im Jahr 2015 publizierte die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Hundwil Auszüge aus Künzlers Schriften. Allen, die Jakob Künzler im Original lesen wollen, ist diese Publikation als knappen Einstieg sehr empfohlen.

Impressionen

Jakob Künzler im Einsatz als Armenpfleger.
Jakob Künzler mit seiner Frau und Angestellten des Missionsspitals in Urfa.
«Mama» Künzler mit Waisenhauskindern.
Ein Teppich aus der von Jakob Künzler gegründeten Teppichknüpferei in Ghazir.
Jakob Künzler mit seiner Familie.
Jakob Künzler ritt Zeit seines Lebens nicht gerne, war aber oftmals auf ein Pferd als Reittier angewiesen.
Karawane: Über 8'000 Waisenkindern ermöglichte Jakob Künzler die Reise nach Syrien und in den Libanon.